Lockdown oder Knockdown?

Schaumonito - Überparteiliches Netzwerk für kindergerechte Schulen

Das hat letzten Freitag die Kinder in der 3b beschäftigt.

Ich bemühte mich um die Bedeutung der beiden Anglizismen – und in der vagen Hoffnung, dass die Stimmen der Virolog*innen, Epidemiolog*innen, Erziehungswissenschafter*innen und alle, die sich zutrauen einen Blick über Corona hinaus zu werfen, und was eine Schulschließung für die Kinder und Jugendlichen heißt, dazu beitragen können, dass von Seiten der Regierung eine praktikable Maßnahmenerweiterung vorgeschlagen wird. So kam es aber nicht – es kam der Knockdown: Seit Dienstag sitzen sehr viele Schüler*innen zu Hause, der Großteil versucht über das Handy die Infos für Übungen und Lerneinheiten über die Lernplattformen zu erfahren. Gedrängt mit Geschwisterkindern, die in einer ähnlichen Situation sind. In Wiener Mittelschulen sind 80% der Kinder aus Familien, in denen die Eltern den Kindern in schulischen Belangen nicht behilflich sein können – schon gar nicht mit technischen Support, wenn das Handy, der Laptop, das Internet, … oder ähnliches „spinnt“. Schon im Vorfeld des lange diskutierten Szenarios einer kompletten Schulschließung erzählten mir Schüler*innen, wie das bei ihnen zu Hause abläuft: Es gibt eine Hierarchie in der Benutzung digitaler Geräte. 1. Homeoffice (Eltern), dann Oberstüfenschüler*in, dann Geschwisterkind, das eine AHS besucht, dann Mittelschulschüler*in. Das heißt, auch da trifft es jene innerhalb der Familie, die in dieser Zeit vielleicht gerade besondere Lernunterstützung bräuchten. Obwohl wir in den Mittelschulen die digitale Ausstattung der Kinder im Vergleich zum ersten Lockdown verbessern konnten, sich das Bewusstsein in diese Richtung geändert hat und die Pädagog*innen seit Schulbeginn bemüht sind mit Eltern und Schüler*innen die digitale Zusammenarbeit zu verbessern.

Der Terroranschlag in Wien sitzt den Kindern tief in den Knochen – sie wollen darüber reden, nicht in einer verordneten Redezeit oder vorgegebenen Unterrichtsstunde – nein, die Fragen – das Erzählen kommt zwischendurch, im Unterricht, in den Pausen. Nach der Schockstarre kommen Identitäts-, Identifikations- und Loyalitätsfragen in Bezug auf ihre Religion und ihre Kultur. Da wollen die Kinder auch immer die Meinung der Lehrer*innen hören – von einer Person der „Mehrheitsgesellschaft“ der sie vertrauen, und der auch die Eltern vertrauen. Das hat nicht Platz im Distance-Learning!

Traditionelle Familienbilder und Rollenverteilungen haben sich im ersten Lockdown wieder verfestigt – wer passt auf das kleine Geschwisterchen auf, wer muss Hausarbeit machen, wer erledigt die außerhäuslichen „Geschäfte“. Gerade Mädchen haben erzählt, dass sie Monate nur zu Hause waren und im Haushalt helfen mussten, während die Brüder raus durften.

Was hätten wir aus dem ersten Lockdown lernen können:

  • Kinder, deren Familiensprache nicht die Unterrichtssprache ist, erfahren gravierende Nachteile in der häuslichen Lernbetreuung! (an meiner Schule sind das 90%)
  • Kinder aus kinderreichen Familie mit mehreren Schulkindern können keinem planmäßigen Distance-Learning Unterricht folgen – das ist logistisch nicht möglich!
  • Kinder aus Familien in ökonomisch prekären Verhältnissen haben keine digitale Infrastruktur.
  • Familien im Lockdown stehen vor der Situation, 24/7 in den eigenen vier Wänden arbeiten, sich versorgen, spielen und lernen zu müssen (die meisten Schüler*innen mit Geschwistern haben kein eigenes Zimmer)
  • Kinder aus Familien, die gerade vor finanziellen Nöten und Ruin stehen – da ist der Schulbesuch oft die einzige Chance dieser Misere zu entkommen! (der Anstieg an Inanspruchnahme von Leistungen des Sozialamtes in diesem Schuljahr ist dramatisch)

…. und nicht selten überschneiden sich die oben angeführten Probleme, was erahnen lässt, welche Auswirkungen dieser Lockdown auf die Lernfortschritte, auf die Psyche der Kinder und auf die soziale Ungleichheit in unserer Bildungslandschaft hat.

Da Bildung im neoliberalen Getriebe seit mehr als 20 Jahre als Dienstleistung betrachtet wird, bringt nun mit sich, dass eine Regierung beschließen kann, dass diese Dienstleistung die nächsten Wochen nicht zur Verfügung stehen wird – unabhängig von Expert*innenkommissionen und Rufe aus der Zivilgesellschaft.

Alles worauf ein österreichisches Bildungswesen stolz ist, nämlich die Gesetze, in denen der Bildungsauftrag ganz klar definiert ist, werden in diesem Moment aufgegeben.

Ja, liebe 3b – es ist ein Knockdown!

Barbara Falkinger, Direktorin der Mittelschule Oberer Augartenstraße Wien

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