Innensicht aus dem schulischen Corona-Alltag

Innensicht aus dem schulischen Corona-Alltag

Ich möchte jetzt etwas ausgedehnter über die Innensicht der Schule berichten und noch einmal einen Schritt zurück gehen.

Die Schulschließung

Mitte März, an einem Wochenende, wurden Pädagog*innen, Schulleiter*innen, Eltern, Schüler*innen und die breite Öffentlichkeit darüber informiert, dass ab kommenden Montag der klassische Schulunterricht nicht mehr stattfindet, aber jedes Kind die Möglichkeit hat an der Schule betreut zu werden.

Durch die Schockstarre innerhalb der Gesellschaft und der Angstpolitik wurde diese Schließung fast kritiklos angenommen. Die Pädagog*innen sollten e-learning machen (mit und ohne Ausbildung für ein komplexes Gebiet) oder einfach Kisten im Eingangsbereich mit Arbeitsblättern den Schüler*innen zur Verfügung stellen.

Ohne Vorwarnung, ohne Unterstützung, ohne respektvollen Umgang des Ministeriums wurde über Nacht die komplette Arbeitsweise für 100.000 Menschen verändert. Durch pädagogisches Geschick, schnelles Wechseln auf die neue Situation und Engagement von allen Betroffenen konnten die ersten Wochen gut bewältigt werden.

Hinzu kam, dass Schulleiter*innen übers Wochenende Personal rekrutieren mussten, damit eine allfällige Betreuung gewährleistet werden konnte. Weiters musste sehr schnell eruiert werden, welche Personen oder Angehörige zur Risikogruppe gehören und somit nicht für einen Präsenzdienst zur Verfügung stehen.

Lehrer*innenbashing

Dann kam Ostern. Ohne einen Grund fühlten sich einige in der Öffentlichkeit sichtbare Personen bemüßigt, Lehrer*innen vorzuschreiben, dass sie in den Osterferien am Schulstandort sein müssen, weil – und dafür habe ich vollstes Verständnis – im Lock Down auch die Eltern und Kinder mit Ausgangssperren sehr belastet wurden. Wichtig war das Bashing, weil die Lehrer*innen haben eh so viel frei. Auf der anderen Seite wurde vielen Pädagog*innen großer Respekt und Anerkennung zugesprochen, weil sie täglich mit bis zu 25 Schüler*innen an Pflichtschulen individuell und höchst professionell die Kinder dieses Landes fordern und fördern. Durch den Lock Down bekamen einige den Einblick, der ihnen oft verschlossen blieb, weil Schule ja einfach funktionieren muss.

Schule im Ausnahmezustand

In der Zeit von Mitte März bis Mitte Mai musste einiges abgewickelt werden.

Die Schulleitungen organisierten neue Dienstpläne, versuchten ihre Pädagog*innen zu informieren um von den Behörden Informationen zu erhalten.

Jetzt haben sich alle gut auf die Situation eingelassen, der Organisationsaufwand der Pädagog*innen und Schulleiter*innen konnte auf ein erträgliches Maß verringert werden und es läuft mehr oder weniger mit der neuen Situation.

Ein Graubereich ist und bleibt die private Kontaktaufnahme mit Schüler*innen. Hier geht es um die Nutzung von Apps wie WhatsApp von Facebook oder auch das open Source verschlüsselte Signal. Normalerweise sind die Eltern angehalten direkt in der Schule anzurufen. Die Pädagog*in wird informiert und ruft zurück. So der gesetzliche Rahmen. Natürlich macht das heute niemand mehr, aber das Ministerium schreibt es so vor. Weitere datenschutzrechtliche Probleme ergeben sich mit der Nutzung von Zoom (Amazon), Jitsi (zumindest OpenSource), Meet (Google), etc. Pädagog*innen sind hier vom Ministerium mit einem Fuß in die Kriminalität gedrängt worden. Auch das beschäftigte einige Kolleg*innen. Eine rechtliche Grundlage ist mir dazu nicht bekannt.

Die Schule wird wieder geöffnet

Streng genommen war die Schule immer offen, aber da wurden oft sehr restriktive Maßnahmen von einzelnen Schulstandorten gewählt.

Am Samstag, den 25.4.2020 informierte der Bildungsminister die Öffentlichkeit im Mittagsjournal auf Ö1. Wieder Wochende, aber vielleicht nur Zufall.

Verordnungen oder gesetzliche Grundlagen gab es noch nicht, aber es war klar, dass es ein Hygienehandbuch geben sollte (für 2.6.2020 ist ein neues angekündigt), Schüler*innen Hände waschen müssen, ein Mund-Nasen-Schutz verwendet werden muss und die Klassen geteilt werden. Unterrichtsgruppe und die Wortkreation Hausübungsgruppe brannte sich ins allgemeine Gedächtnis. Es gab laufend neue Regelungen und Personen der Risikogruppe und +60 seien freigestellt.

Die Schulen mussten nun für 7-8 Wochen komplett neue Dienst- und Raumpläne organisieren.

Es gab und gibt dabei noch immer mehrere Fallstricke, die nicht berücksichtigt oder in die Schulautonomie abgeschoben wurden.

Die öffentliche Kommunikation war so, dass die Klassen geteilt werden mussten. Die Höchstschüler*innenzahl ist aber unterschiedlich. In Volks- und neuen Mittelschulen bei etwa 25 Schüler*innen, in allgemein höheren Schulen 36. Deshalb wurde festgeschrieben, dass bis zu 18 Schüler*innen an den Unterrichtstagen hier sein durften. Die Größe der Räume wurde nicht berücksichtigt. Viele Schulleiter*innen wählten das Vorsichtsprinzip in sehr unterschiedlichen Ausformungen.

Auch wurde nicht berücksichtigt, dass Schüler*innen im Volksschulalter mehr Betreuung brauchen als Ältere. An unserem Standort waren bis zu 80% der Volkschulkinder im Haus. Dadurch gibt es aber nicht mehr Klassenräume.

Organisatorisch bedeutete das Folgendes: Wir mussten alle Eltern kontaktieren und erheben wer an welchen Hausübungstagen wie lange kommt. Es musste eine Excelliste mit fast 400 Schüler*innen für jeden Tag des laufenden Schuljahres erstellt werden.

Alle freuten sich auf die Schulöffnung und die neuen Dienstpläne und 90% der Schüler*innenerhebungen wurden abgeschlossen. Es konnte losgehen!

Doch dann kam der nächste Clou. Keine Woche vor Schulöffnung wurden wieder alle Dienstpläne über den Haufen geworfen, weil 5 Bundesländer die Freistellung der 60+ Pädagog*innen an Pflichtschulen nicht erlaubten. Für allgemein höhere Schulen blieb die Regelung aufrecht. Warum Risikogruppen an Pflichtschulen weniger von Corona betroffen sein sollten kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Jedenfalls mussten jetzt alle Kolleg*innen mit 60+ kontaktiert werden, um eingeteilt zu werden. Es soll ja am Standort fair und dem Dienstausmaß angepasst geregelt werden. 

Eine neue Orga-Challenge hat begonnen.

Ganztagsschulen mit zusätzlichen Herausforderungen

Grundsätzlich ist von den Eltern die Ganztagsbetreuung und das Mittagessen zu bezahlen. Im Normalfall ist das einfach, weil alle angemeldet sind. In der Covid-Phase von März bis Mai wurde den Eltern das Essensgeld sowie die Betreuung erlassen. Für Juni nicht. Am Beispiel Wien ist das besonders skurril, weil ab September für niemanden Kosten für Mittagessen und Ganztagsbetreuung anfallen.

Das bedeutet, dass wir für Juni die täglich unterschiedlichen Essens- und Betreuungswünsche der Eltern erheben mussten, damit die Betreuungskosten korrekt abgerechnet werden können. Ob die Betreuung an den Hausübungstagen verrechnet wird, war nicht eindeutig formuliert. Schließlich können in der Primarstufe bis 12:00 und in der Sekundarstufe bis 14:00 Kinder gratis ohne Essen an der Schule bleiben. Wer Essen möchte, zahlt. Durch die große Anzahl an Schüler*innen mussten die Essenszeiten ausgedehnt werden um den Mindestabstand gewährleisten zu können. Das hat wieder zur Folge, dass einzelne Kinder in derselben Gruppe nicht mit den anderen Kindern in den Speisesaal dürfen, weil sie vom Essen abgemeldet wurden. Das ist gruppendynamisch, menschlich und pädagogisch eine Katastrophe, weil sehr schnell sichtbar wird, wer sich das Essen nicht leisten kann oder will. Eine sozioökonomische Katastrophe.

Endlich kein MNS-Schutz mehr, wieder Sport und Singen!

Am 30.5.2020, ein Samstag, wurde die nächste Lockerung verkündet. Der Mund-Nasen-Schutz muss ab sofort nicht mehr getragen werden. Es wurde eine kann Bestimmung. D.h. die einen Tragen ihn weil sie Angst haben, die anderen nicht. Bin gespannt wie sich das entwickelt. Aber grundsätzlich positiv.

Skurriler wird vor allem die Massnahme für den Sportunterricht.

Hier im Original:

Bewegung und Sport können freiwillig angeboten werden

Bewegungs- und Sportangebote können schulautonom in Ergänzung zum bestehenden Stundenplan angeboten werden. Es ist dafür nicht notwendig, den aktuellen Stundenplan abzuändern. Die Entscheidung, ob und in welcher Form das freiwillige Angebot geschaffen wird, sollte bis zum 15. Juni an jedem Standort erfolgt sein.
Die Bewegungseinheiten können als Ergänzungsunterricht organisiert und am Nachmittag an den regulären Unterricht angehängt werden. Die Teilnahme für die Schülerinnen und Schüler ist freiwillig, da der Pflichtgegenstand Bewegung und Sport weiterhin ausgesetzt ist.
Auch eine klassen- und schulstufenübergreifende Organisation des Ergänzungsunterrichts ist möglich. Bei der Organisation muss auf die räumlichen und organisatorischen Möglichkeiten am Standort Rücksicht genommen werden. Die Vormittagsbetreuung an den unterrichtsfreien Tagen hat weiterhin Vorrang. Auch bei der Sportausübung an den Schulen müssen die Vorschriften des Hygienehandbuchs und die vom Gesundheitsministerium für den Breitensport verordneten Präventionsmaßnahmen eingehalten werden. Entsprechende Informationen finden sich unter:
https://www.bmkoes.gv.at/Themen/Corona/H%C3%A4ufig-gestellte-Fragen-Sport-Veranstaltungen.html

(https://www.bmbwf.gv.at/dam/jcr:7f15e545-bd28-4986-b304-c0086d1ab7df/corona_lockerungen_20200530.pdf, visit 31.5.2020) 

Auf Nachfrage bei Sibylle Hamann auf Facebook ist noch zu ergänzen, dass es sich um 2 Wochenstunden handle, Kinder in der Unterrichtswoche- und Hausübungswoche teilnehmen können und der Sportunterricht auch am Vormittag stattfinden kann.

(https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fsibylle.hamann%2Fposts%2F10220777349695156&width, visit 31.5.2020)

Das ist eine wichtige und wesentliche Ergänzung und im offiziellen Schreiben nicht ersichtlich.

Jedenfalls beginnt jetzt wieder die Planung für den Sportunterricht bei dem “der Stundenplan nicht geändert werden muss”. Leider sind nicht nur die Stundenpläne sondern auch die Dienstpläne der Pädagog*innen zu ändern. Das ist aber nur das eine. Das andere ist die Erhebung der 400 Schüler*innen, die ab 15.6.2020 für 2 Stunden Sport machen wollen. Für das laufende Schuljahr bedeutet das, dass wir für 2 Wochen, sprich 4 Sportstunden, einen Organisationsaufwand haben wie zu Beginn der Krise. Die Verhältnismäßigkeit erkenne ich leider auch nicht. Die Definition als freiwilligen Ergänzungsunterricht ist eigentlich das größte Problem. Warum war es nicht möglich, einfach festzulegen, dass Sport und Turnen wieder erlaubt ist. Dann könnten Schulstandorte autonom entscheiden, ob und wie sie diese Möglichkeit in Anspruch nehmen.

Jetzt stellen sich bei ganztägige Schulformen wieder offene Fragen:

Falls in der Sekundarstufe ergänzend ab 14:00 Sport gemacht werden kann, ist dieser gratis oder muss er wie die Betreuung, also die Kinder die keinen Sport machen wollen oder können, zu bezahlen? Wie lautet hier der Gleichheitsgrundsatz? Warum darf nur 2 Stunden Sport gemacht werden? Warum kann auch das nicht individuell gelöst werden?

Resümee und Erwartungen

Herr Fassmann, entschuldigen Sie sich für diese Regelungen, die Sie Eltern, Schüler*innen, Pädagog*innen und Schulleiter*innen zugemutet haben. Das wäre das Mindeste. Mit mehr Erfolg gekrönt wäre eine stabile, heterogene Steuerungsgruppe (ein Runder Tisch aus Praktiker*innen und Expert*innen), die Ihnen hilft, aus der Praxis praktikable und pädagogisch sinnvolle Maßnahmen zu treffen. Sie müssen das nicht alleine machen. Wir, Professionist*innen, helfen ihnen gerne. Zum Wohl der Kinder.

von Bernhard Lahner, schaumonito-Aktivist, Integrationslehrer und Bildungswissenschaftler

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