Kommentar zum 1. Mai-Brief des Bildungsministers und dreier Gewerkschaftsvorsitzender

Schaumonito

Am 1. Mai 2020 langt vormittags ein Brief an Pädagoginnen und Pädagogen im Mail-Posteingang der Direktionen ein. Unterzeichnet von Bundesminister Faßmann und den Herren Roland Gangl, Vorsitzender der Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen-Gewerkschaft, Paul Kimberger, Vorsitzender der Pflichtschullehrer*innen-Gewerkschaft, Herbert Weiss, Vorsitzender der Gewerkschaft an Allgemeinbildenden höheren Schulen.

Die Lehrer*innen und Schulleiter*innen werden ersucht am 22. Mai und am 12. Juni 2020, sollte das Schulforum oder der Schulgemeinschaftsausschuss beschlossen haben, an diesen zwei Tagen schulautonome Tage abzuhalten, dennoch einen regulären Unterricht durchzuführen. Die Kolleg*innen werden gebeten, diesen auf freiwilliger Basis abzuhalten.

Am Montag, 4. Mai, ist der erste Arbeitstag nach Erhalt dieses Briefes und da sollen die Leiter*innen der Schulen die Entscheidung der Pädagog*innen erheben und bis Dienstag, den 5.Mai 2020, 12 Uhr, den Bildungsdirektionen bekannt geben.

Leider ist aber nicht einmal klar, ob diese Erhebung auf die individuelle Freiwilligkeit einzelner Lehrer*innen abzielt oder es um eine kollektive Entscheidung am Standort geht. Und sollen die bei Schulforum und SGA eingebundenen Eltern- und Schülervertreter*innen nun ignoriert werden?

Ich halte nicht sehr viel davon, Beschlüsse der Schulpartner*innen aufzuheben und gleichzeitig übers Wochenende bei allen Kolleg*innen rückzufragen zu müssen, ob sie auf freiwilliger Basis bereit sind, einen regulären Unterricht abzuhalten. Mag sein, dass diese Erhebung bei einem Kollegium mit 10 Pädagog*innen flott durchführbar ist, aber bei 30, 50 oder 80 und mehr Pädagog*innen? 

Ich wende mich nicht grundsätzlich gegen die Öffnung der Schulen an diesen beiden Freitagen! Aber wenn das von ministerieller Seite gewünscht wird, dann mit klaren Vorgaben, dass dies so durchzuführen ist. So wie der 1.Mai-Brief viele Detailfragen offen lässt, wird es also wohl darauf hinauslaufen, dass die Schulen sich ohne großes Organisations-Tamtam eine ausreichende Zahl von freiwillig Dienst machenden Kolleg*innen suchen und somit für ihre Schüler*innen da sind.

Zur Zeit gibt es ja so viel anderes zu organisieren und zu kommunizieren: Am Montag, dem 4. Mai, müssen die Eltern informiert werden, wann ihr Kind Unterricht hat und abgefragt werden, an welchen Tagen es Betreuung braucht. Bei dieser Abfrage müssen die Eltern nun darauf hingewiesen werden, dass es noch nicht sicher ist, ob wir entgegen Schulforums-Beschluss dennoch offen haben, damit ihre Kinder an diesen beiden Freitagen – sofern sie bei einer der verkleinerten Gruppe sind, die an diesem oder jenem Freitag die Schule besuchen soll – in die Schule kommen können. Diese Information folgt dann vermutlich wieder zwei Tage später.

Bitte lasst die Schulen sich nicht zu Tode organisieren!

Bitte gebt die Vorgaben rechtzeitig bekannt!

Bitte schickt nicht jeden Tag eine neue Information!

Bitte tragt politische Machtkämpfe (wie hier zwischen Ministerium und Gewerkschaften) nicht auf dem Rücken und durch Mehrbelastung der Schulstandorte aus!

Bitte nehmt Schulautonomie ernst, wo es um wichtige pädagogische Fragen geht (verantwortungsvolle autonome Organisation der Deutschförderung am Standort, verantwortungsvolle autonome Umsetzung einer alternativen Beurteilung bis zur 3. Schulstufe)!

Bitte nehmt Schulautonomie ernst, wo es um die notwendigen organisatorischen Gestaltungsräume bei Stundenplänen, Gruppeneinteilungen, Personaleinsatz am einzelnen Standort geht!

Wien, 3. 5. 2020, 12°°

Verena Corazza

Pädagogin, Leiterstellvertreterin an einer VS + NMS, Aktivistin bei „Schulautonomie Monitoring Österreich“, Gewerkschaftsmitglied

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