Deutschförderung in Quarantäne: Flexibilität mehr denn je benötigt

Deutschförderung in Quarantäne: Flexibilität mehr denn je benötigt

Eine Pressemitteilung des Österreichischen Verbands für Deutsch als
Fremdsprache/Zweitsprache (ÖDaF) in Zusammenarbeit mit Arbeiterkammer Wien,
BildungGrenzenlos und dem lernraum.wien der VHS, die wir als schaumonito gerne unterstützen!


Die letzten Wochen haben deutlich gezeigt: Die Corona-Krise trifft benachteiligte Gruppen in unserer Gesellschaft besonders hart. In unserem Schulsystem sind das beispielsweise Schülerinnen in Deutschförderklassen. Seit über vier Wochen sind die Schulen in Österreich geschlossen. Und mit Ausnahme der Maturajahrgänge wird dies noch länger so bleiben. Das gilt natürlich auch für Schülerinnen in Deutschförderklassen, die großteils im Volksschulalter sind. Sie stellt „distance learning“ vor eine besonders schwierige Situation: Wie kann eine Zweitsprache erlernt werden, wenn sie zu Hause kaum gesprochen wird? Wenn der Austausch mit Gleichaltrigen auf Deutsch fehlt? Und wenn nun auch noch der direkte Kontakt
zur Lehrkraft als (oftmals) wichtigster Bezugsperson zur deutschen Sprache wegfällt?

In dieser Ausnahmesituation muss die Schulpolitik mit besonderer Flexibilität reagieren, um eine zusätzliche Bildungsbenachteiligung von Schülerinnen in Deutschförderklassen zu vermeiden. Denn zur Erinnerung: Schülerinnen in Deutschförderklassen ist der Umstieg in
den Regelunterricht erst erlaubt, wenn sie eine halbjährlich stattfindende Sprachtestung (den sog. MIKA-D) mit entsprechendem Ergebnis absolvieren. Bis dahin tritt der Unterricht in Regelfächern hinter die Deutschförderung zurück. Durch die Corona-bedingte Unterbrechung droht den Schülerinnen nun ein weiterer Verlust von mindestens einem Semester.

Daher braucht es möglichst rasch folgende Maßnahmen:
Schülerinnen in Deutschförderklassen oder Deutschförderkursen müssen im kommenden Schuljahr auf jeden Fall in die nächste Schulstufe aufsteigen und sollten in die Regelklasse übernommen werden – mit zusätzlicher Deutschförderung, die schulautonom gestaltet wird.

Gerade Schülerinnen in Deutschförderklassen müssen möglichst bald in die Schule zurückkehren können, zumindest tageweise. So kann vermieden werden, dass sie bereits Erlerntes wieder verlieren. Und sie kommen endlich wieder in Kontakt mit den für den Deutscherwerb so wichtigen Sprachlernvorbildern.

Im Sinne einer intensiven und nachhaltigen Deutschförderung sollten die Gruppen möglichst klein gehalten werden – das kommt den derzeit geltenden Vorsichtsmaßnahmen entgegen.

Zudem bedarf es Kompensationsmöglichkeiten und zusätzlicher Unterstützungsangebote – auch im Sommer –, um das Corona-Semester zu keinem verlorenen Semester zu machen. Qualifizierte DaF/DaZ-Lehrkräfte, deren berufliche Situation derzeit ohnehin prekär ist, könnten derartige Zusatzkurse und Sprachcamps durchführen. In Wien könnten beispielsweise im Rahmen der Förderung 2.0 – abgestimmt mit den Schulstandorten – spezifische Förderangebote vorgesehen werden.

Weiters braucht es eine gezielte Information und Einbindung besorgter Eltern in den jeweiligen Erstsprachen bzw. Familiensprachen darüber, wie sich dieses Semester auf die weitere schulische Betreuung ihrer Kinder auswirkt und welche Unterstützung sie in Anspruch nehmen können.

• Nicht zuletzt müssen auch die ohnehin gerade stark belasteten Schulen vom administrativen Mehraufwand durch die MIKA-D-Testung befreit werden. Unter den derzeitigen Bedingungen ist die MIKA-D-Testung weder aus Sicht der Schulen noch mit Blick auf die Schülerinnen tragbar und muss daher in diesem Schuljahr ausgesetzt
werden. Die entsprechend angepassten Übertrittsregelungen müssen so gestaltet sein, dass Schülerinnen dadurch keinen Nachteil und keinen Semesterverlust erfahren.

Die aktuelle Ausnahmesituation macht einmal mehr deutlich, was im Bereich der Deutschförderung in jedem Fall dringend geboten ist: kleine Gruppen, mehr hochqualifizierte Sprachförderlehrkräfte, die systematische Einbeziehung der Erstsprachen und die Zusammenarbeit mit den sog. „Muttersprachenlehrerinnen“ – vor allem aber deutlich mehr schulautonomer Handlungsspielraum, um den Bedürfnissen der Kinder am jeweiligen Standort am besten gerecht werden zu können und Bildungsbenachteiligung zu verhindern.

Kontakt:
https://www.oedaf.at – Hannes Schweiger: hannes.schweiger@univie.ac.at
https://wien.arbeiterkammer.at
http://bildunggrenzenlos.at – Heidi Schrodt: heidi.schrodt@gmail.com
https://www.vhs.at/de/e/lernraum-wien – Thomas Fritz: Thomas.Fritz@vhs.at

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.