Vergessen und verloren

Vergessen und verloren

Homeschooling, Distance-Learning, E-Learning, digitales Lernen – unzählige Begriffe werden bemüht, um den Schulalltag von über einer Million Schüler*innen, Kinder wie Jugendlichen zu beschreiben, zu bejammern oder auch zu beschönigen.

Ein Wulst an Problemfeldern tut sich da auf – auf allen möglichen Seiten – seitens der Eltern, die durch Heimunterricht und Homeoffice schier überfordert werden und sind, seitens der Lehrer*innen, die quasi über Nacht ihr pädagogisches Wirken den neuen Anforderungen anpassen müssen – und im Besonderen seitens aller Schüler und Schülerinnen.

Bildungsverantwortliche beschönigen diese für alle mehr als unbefriedigende Situation. Manche meinen, es funktioniere erstaunlich gut, andere meinen lapidar, dass die Bildungsgerechtigkeit in Gefahr wäre, als hätte es die je gegeben, glauben mit der Anschaffung und Leihgabe von PC s würde die Ungleichheit und die immer größer werdende Kluft zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Schichten ausgeglichen. Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass es hauptsächlich an den fehlenden Geräten und der digitalen Kompetenz der Schüler*innen und Lehrer*innen läge?

Samir

Samir kam vor 2 Jahren in die Schule. Weder in seiner Muttersprache noch auf Deutsch konnte er sich verständigen. Samir lernte Buchstaben, indem er sie in den Sand oder Schaum schrieb, immer und immer wieder, indem er sie hörte, spürte und schmeckte. Er merkte sich Begriffe, wenn sie für ihn real erfahren werden konnten. Er lernte Sprache indem er vielfältige Sprachvorbilder seitens seiner Mitschüler und Lehrer*innen ständig zur Verfügung hatte und eine vertraute Lernatmosphäre machten es möglich, was Therapeuten bezweifelten – Samir – erwarb Sprachkompetenz, lernte gerne, war unendlich bemüht und fleißig. Samir lernte Lesen und Schreiben.

Kevin

Da ist Kevin, 7 Jahre, digital ermüdet, ausgeprägte Spielkonsolenerfahrung. Nach fünf Minuten ist seine Konzentrationsfähigkeit erschöpft und seine Motivation zu lernen mehr als dürftig. Um eine Vorstellung von Zahlen und Mengen zu erlangen, reicht es ihm nicht, sie digital zu zuordnen, wie kreativ diese Lernsoftware auch sein mag, er muss Mengen legen, bewegen, spüren, hören – er muss alle seine Sinne einsetzen können, um einen Lernprozess in Gang zu setzen. Und er braucht Erfolg, er braucht das unmittelbare Feedback, dass seine Anstrengungen sich lohnen – nur dann ist er bereit weiter zu arbeiten.

Diese beiden Kinder stehen stellvertretend für viele, die zum Beispiel nach Lehrplänen der Allgemein Sonderschule oder des SSE unterrichtet werden. Man muss keine ausgebildete Sonderpädagogin sein, um zu merken, dass die Interessen dieser Kinder mit besonderen Bedürfnissen im gegenwärtigen Setting Homeschooling völlig zu kurz kommen. Da hilft kein noch so gutes Endgerät oder eine neue Lernplattform. Diese Schüler*innen brauchen für ihren Lernprozess: Lernen mit allen Sinnen, soziale Beziehungen, ihnen vertraute Lernbegleiter*innen und eine angenehme und entspannte Lernumgebung. Fehlt das, kann nicht nur kein Lernzuwachs stattfinden, sondern es gehen bereits erworbenes Wissen und soziale Kompetenzen wieder verloren.

Verantwortliche scheinen sich für dieses Klientel sogar nicht zu interessieren. Man schickt Endgeräte zur Bildungselite (AHS, BHS) – die pädagogische Tragweite dieser Schülerinnen mit besonderen Bedürfnissen wird mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn überlegen sich Bildungsverantwortliche wie man deren Problematik entschärft.

Unterricht in Kleingruppen, unter Berücksichtigung der Einhaltung der Gesundheitsstandards, durch ihnen vertraute Pädagog*innen müsste jetzt möglich gemacht werden und wäre eine Chance, diese Kinder nicht völlig zu verlieren und zu vergessen.

Susanne Panholzer, Lehrerin in einer Mehrstufenintegrationsklasse in Wien

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