Unterricht zu Hause unter erschwerten Bedingungen

Unterricht zu Hause unter erschwerten Bedingungen

von Nicol Gruber und Bernhard Lahner

Viele Familien stehen derzeit extrem unter Druck. Eltern wie Kinder sind mit einer gänzlich neuen Situation konfrontiert. Kinder und Jugendliche können nicht mehr in die Schule und sollen zu Hause unterrichtet werden. Gleichzeitig sind jene, die im Erwerbsleben stehen, durch die Krise am Arbeitsmarkt massiv unter Druck. Manche sind im Home Office, andere müssen weiter ihrer Arbeit nachgehen und wieder andere haben ihren Job ganz verloren oder wurden in Kurzarbeit geschickt. Ob die Eltern zu den Privilegierten gehören, die jetzt die Möglichkeit haben im Home Office zu arbeiten, oder ob die Eltern gerade unter heftigen Existenzängsten zu leiden haben, gemeinsam ist ihnen allen, dass die neue Situation Familien stark belastet und an ihre Grenzen bringt. Dass Kinder nun zu Hause weiter beschult werden sollen, sie Aufgabenblätter aus der Schule mitbekommen und teilweise sogar Werkstücke zu Hause produzieren sollen, erhöht diesen Druck noch weiter als dass es welchen herausnimmt. Und obwohl ALLE Familien gerade stark unter Druck stehen, gibt es doch gewaltige Unterschiede, wie mit diesem Druck umgegangen werden kann. Wie immer trifft es jene am stärksten, die schon vor der Pandemie ausgegrenzt waren, soziale Schieflagen verstärken sich. Hier muss nocht entschlossener gehandelt werden, um diese Gruppen zu entlasten. Nach der Krise müssen wir die richtigen Schlüsse ziehen und die Schieflagen, die jetzt so sichtbar werden wie selten zuvor, beseitigen und unsere Gesellschaft solidarischer gestalten. 

Alleinerzieher*innen zählen zu einer der am stärksten belasteten Gruppen 

Alleinerzieher*innen waren schon vor der Corona-Krise mehrfach allein gelassen. So sind laut EU SILC Erhebungen 2018 etwa 40 % der Alleinerziehenden (großteils sind das Frauen) armuts- und ausgrenzungsgefährdet. In einem der wohlhabendsten Staaten der Welt eigentlich ein Skandal. Stattdessen bleibt diese Gruppe politisch und gesellschaftlich unterbelichtet, ihre Sorgen und Ängste werden wenig gehört. Der österreichische Sozialstaat baut im Wesentlichen noch immer auf der traditionellen Familie auf, wer nicht in dieses Schema passt, wer sich nicht in diese traditionellen Strukturen einfinden kann und will, hat ein Problem. Am Beispiel der Alleinerzieher*innen wird das sehr sichtbar. 

Alleinerzieher*innen geraten momentan noch schneller an ihre Belastungsgrenzen als andere. Alleinerzieher*innen, die im Home Office sind, können sich die Beschulung des Kindes nicht mit dem/der Partner*in aufteilen. Ein enormer Kraftakt. Alleinerzieher*innen, die weiterhin in die Arbeit gehen müssen, haben ein noch größeres Problem. Was sollen sie mit ihren Kindern in dieser Zeit machen? Eigentlich ist die Schule für die Betreuung von Kindern bedarfsweise offen, doch vielen Eltern / Müttern / Vätern fällt es scheinbar schwer, die Kinder auch ohne Scham und ohne Beschämung in die Schule zu bringen. Viele Schulen legen die Betreuungsmöglichkeiten in der Schule sehr streng aus und erlauben nur jenen, die in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten, die Kinder zur Betreuung hinzubringen – obwohl dies nicht der Vorgabe den behördlichen Vorgaben (Bildungsministerium, Bildungsdirektion) entspricht!

Doch Lehrer*innen und Direktor*innen davon zu überzeugen, dass es nicht anders geht, dass das Kind in die Betreuung muss, kostet offenbar so viel Überwindung und Kraft, was bisher nur die allerwenigsten aufbringen. Außerdem: Wer möchte gerne sein Kind in eine Betreuung geben, in der es dort oder da spürbar nicht erwünscht ist? Wer möchte dafür kämpfen müssen, dass das Kind wenigstens kurzzeitg, tageweise an die Schule kommen darf? Und wer möchte gerne öffentlich zugeben, dass es alleine nicht mehr geht, dass sie (teilweise auch er) nicht mehr kann, dass alles einfach zu viel ist?

Leistung muss sich lohnen?

Doch auch in klassischen Vater-Mutter-Kind-Familien braucht es dringend und sofort Entlastung. Viele Eltern sind gerade durch Jobverluste psychisch und ökonomisch belastet. In so einer Situation braucht es nichts weniger als Leistungsdruck durch das Beschulen der eigenen Kinder. Viele haben schon darauf hingewiesen, dass die Schere zwischen denen, die ihre Kinder unterstützen können und denen, die dies nicht können, weiter auseinander gehen wird. Ein weiterer Aspekt, der in dieser Debatte zu kurz kommt, ist der, dass auch die Eltern ganz allgemein und traditionell beim österreichischen Schulsystem (überwiegend Halbtagsschule, hoch-selektiv) als Nachhilfelehrer*innen eingespannt sind bzw. sich einspannen lassen. Wie aber sollen Eltern, die selbst schon länger aus dem Bildungssystem draußen sind oder nie so lange drinnen waren, ihren Kindern bei den Mathe-Aufgaben helfen?

E-Learning sollte dazu genutzt werden, Kindern interessante Aufgaben, Artikel, Spiele, was auch immer, für die Zeit zu Hause mitzugeben. Ihnen Inputs geben, sofern sie dafür Ressourcen haben. Doch keinesfalls sollte hier noch ein Extra-Druck aufgebaut werden, der dann wiederum zur sozialen Beschämung der Eltern führt: Und es wird wohl wie jeher vorwiegend auf die Frauen zurückfallen, die dann als “schlechte Mütter” beschämt werden, weil sie nicht gut genug mit ihren Kindern gelernt und geübt haben. 

Was es also dringend braucht ist Entlastung und Unterstützung. Es kann sehr erleichternd sein, wenn die Kinder für ein paar Stunden in der Woche raus können, einmal etwas anderes erleben und sichergestellt ist, dass sie gut versorgt sind. Natürlich muss der gesundheitliche Aspekt beachtet werden, doch die psychosoziale Gesundheit wiegt auch schwer und zusehends mehr. Entlastend kann auch sein, wenn Schulen und insbesondere der Minister offensiv kommunizieren, dass Lernen dann stattfinden soll, wenn es geht, wenn die Kinder Ressourcen haben, aber es kein Muss ist. Wenn die Kinder gerade andere Sorgen haben, die Eltern andere Sorgen haben oder den Stoff nicht kennen, dann sollte es ok sein, jetzt auch mal weniger zu lernen. Und dann sollte es vor allem auch möglich sein, hin und wieder in die Schule zu kommen und in Kleingruppen zu lernen, zu lesen, zu kommunizieren – für Eltern wie Kinder.

Physische und psychische Gewalt in Familien 

Häusliche Gewalt war schon vor Corona ein massives Problem in Österreich. Auch dieses Problem wird sich durch Corona noch verschärfen. Davon sind Frauen wie Kinder gleichermaßen betroffen. Auch hier braucht es sofort und dringend die Möglichkeit, dass Kinder und Frauen aus den eigenen vier Wänden herauskommen. Oftmals ist die Erwerbsarbeit des Mannes, für die er außer Haus geht, die einzige Möglichkeit für Frauen, sich an Beratungsdienste zu wenden. Doch was, wenn der Mann seinen Job verloren hat, in Kurzarbeit ist oder im Home Office? Dann wird es für Frauen und Kinder noch schwieriger, sich an Beratungsstellen zu wenden. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Kinder und Frauen mindestens einmal die Woche oder auch öfter die Möglichkeit haben, für ein paar Stunden in die Schule zu kommen. Hier kann die Schule ein zentraler Ort sein, wo sich auch Frauen mit vor Ort befindlichen Psycholog*innen – unter Einhaltung der allgemeinen Distanz-Regeln, austauschen oder auch nur durchatmen können. Kinder können in Kleingruppen lernen, spielen, relaxen, was auch immer. Wertvolle Stunden, und solange das in Kleingruppen organisiert ist und große Räume genutzt werden (Schulhöfe und Turnsäle zum Beispiel), auch den Abstands-Vorschriften adäquat wäre. 

Und auch wenn die Familie funktioniert, Eltern wie Kinder relativ privilegiert sind und nicht in beengten Wohnverhältnissen leben – es braucht für alle die Möglichkeit eines Tapetenwechsels, zumindest ein-, zweimal in der Woche.

Diese Krise darf besonders den Druck bei jenen nicht noch höher schrauben, die schon vor der Corona-Krise ihr Leben am Limit zu gestalten und zu überstehen versuchten. Nutzen wir diese Krise, die die Schieflagen so sichtbar macht, um diese endlich zu beseitigen.

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