Schulische Beziehungsarbeit in Corona-Zeiten

Schulische Beziehungsarbeit in Corona-Zeiten

Kreativ andocken – niemanden abkoppeln

Die amtlich verordneten Maßnahmen zur langsameren Ausbreitung des Corona-Virus‘ umfassen auch eine weitgehende Stilllegung des täglichen Schulbetriebs – optionales Standby, aber erfreulicherweise kein kompletter schulischer Shutdown. Neben jenen Kindern, deren Eltern/Erziehungsberechtigte in kritischen Infrastrukturen arbeiten (z.B. Gesundheit, Lebensmittelversorgung, Transport, etc.), muss auch die Betreuung jener Kinder gewährleistet sein, deren Eltern/Erziehungsberechtigte beruflich unabkömmlich sind bzw. eine Betreuung zuhause nicht leisten können.“ (Bildungsdirektion Wien am 26.3.2020)

Mit viel Kreativität und erfreulich schnell haben sich landesweit zigtausende Lehrer*innen auf die neue Situation eingestellt, um mit ihren Schüler*innen und deren Familien in Kontakt zu bleiben, sie mit „Lernfutter“ zu versorgen, die alltägliche Lern- und Beziehungsarbeit nun „auf Distanz“ zu betreiben.

Die gegenwärtige Situation wirft ein Schlaglicht auf viele problematische Facetten herkömmlichen schulischen Lernens:

  • Wieweit sind Kinder selbständiges Arbeiten gewöhnt, was wird ihnen zugetraut und wie gehen sie nun im landesweiten „Hausunterricht“ damit um?
  • Sehen sich Lehrer*innen primär als „Stoffvermittler“ in ihrem Fach oder wollen und beherrschen sie auch sehr individuelles und durchaus auch ganzheitliches Coaching der ihnen anvertrauten Schüler*innen?
  • Ist der Gruppen- und Gemeinschafts-Aspekt im uns allen bekannten und vertrauten schulischen Lernen eher ein disziplinär zu bewältigender Störfaktor oder tun sich nun unverhoffte Möglichkeiten für lebensbezogenes Lernen unter außergewöhnlichen Umständen auf?
  • UND VOR ALLEM: Lassen wir all jene Kinder, die schon bisher vergleichsweise schlechte Startchancen hatten, in der jetzigen Situation noch weiter zurück, reißt der Kontakt zu manchen nun völlig, wandelt sich die schon bisher nicht merkbar reduzierte „Vererbbarkeit“ von Bildung (je nach sozialer Stellung und Bildungsgrad der Eltern) nun in ein komplettes Abkoppeln der benachteiligten Schüler*innen und ihrer Familien? Kein Schreibtisch für jedes Kind zu Hause, kein PC oder Internet, massive Sprachverständigungsprobleme, massiver werdende Spannungen auf engstem Raum, uVm.

Solidarität im mehrfachen Sinne

Das Schlagwort „Solidarität“ hat neuerdings eine unerwartete Hochkonjunktur, auch bei Politiker*innen, die das etwas naiv als „rotes Pfui-Wort“ einordneten. Solidarität zunächst im Sinne der Wahrnehmung des eigenen Anteils an „Abschottung“ zugunsten der Eindämmung der gesundheitlichen Risiken durch schlagartige Ansteckungswellen. Ja, ok. Unsere Solidarität sollte sich aber nicht nur auf temporäre Isolierung beziehen, sondern auch eine bewusste Zuwendung, aktive Einbeziehung aller, insbesondere der sozial Schwächeren beinhalten – wenn auch vorläufig in der Regel nicht durch höchstpersönlichen Kontakt, sondern durch andere, kreative, vielfältige Formen der Wahrnehmung und Begleitung.

Unter der Annahme, dass in Österreich bis in den Juni 2020 hinein nicht mit einem regulären Schulbetrieb zu rechnen ist, dass unter den vielen, vielen arbeitslos gewordenen und werdenden Menschen auch unzählige Mütter und Väter von Schulkindern sind, sollte auch in diesem Bereich ebenso rasch wie bei den Unternehmen und Beschäftigten ein „Schul-Maßnahmenpaket“ entwickelt und rasch umgesetzt werden.

An das Bildungsministerium gerichtet:

  • Schaffung eines Pools an Assistenzpersonal vor allem im Bereich von Übersetzer*innen sowie Schulsozialarbeiter*innen – das heißt auch, Sofortbudget für 500 Neuanstellungen ab 1. April, digital praktikabler flexibler Einsatz im Dolmetsch-Bereich, lokal und regional verfügbarer und niederschwellig abrufbarer schulsozialarbeiterischer Pool (anknüpfend an den schon vorhandenen Ressourcen, aber massiv aufgestockt)
  • Aussetzung der Notengebung bis zur 3. Stufe Volksschule, stattdessen verstärkter Fokus auf die schon jahrzehntelang und in breiter Vielfalt entwickelten Lernzieldokumentationen für jedes Kind, ab der 4. Stufe Übernahme der Halbjahresbenotung für das Jahreszeugnis – inklusive Möglichkeit für einzelne Schüler*innen, sich ihre Halbjahresnote verbessern zu können.
  • Institutionelle Unterstützung aller von Schulen angedachter Ideen und Maßnahmen für ein Buddy-System (unter Mitschüler*innen), aber auch eines ergänzenden Assistenz-Systems von (pensionierten) Lehrer*innen, ehemaligen Zivildienern, Studierende an pädagogischen Hochschulen und Universitäten uVm. – diese Assistenzen sollen den zuständigen Lehrer*innen und Hauptbezugspersonen für die Kinder zugeordnet werden und in engem Austausch untereinander vor allem für Kinder und Familien zum Einsatz kommen, die sich selbst in der Ausnahmesituation nur schlecht helfen können, eine völlig unzureichende räumliche und technische Infrastruktur zuhause haben usw.
  • Erfahrungen sammeln, bündeln, weiter geben, best practice JETZT: Kurzfristige Bereitstellung digitaler Austauschräume auf Ebene der Bildungsdirektionen und des Bildungsministeriums – open to the public! In jedem Bundesland werden fünf Pädaogog*innen, die erwiesene Vernetzungs- und Kommunikationserfahrungen bei der Nutzung neuer Medien haben, zusammengefasst und mit dem Aufbau eines Best Practice-Portals befasst. Das Ministerium stellt seinerseits Expertise bereit und bietet eine Sammelplattform für alle Bundesländer-best practice-Portale (nebst den schon veröffentlichten Ratschlägen unterwww.schulpsychologie.at ): Wie lösen Lehrer*innen, Freizeitpädagog*innen, psychisch-soziale und schulsozialarbeiterische Assistenzkräfte die aktuellen Herausforderungen? Welche Tools, Apps, Links haben sich für Lern- und Vernetzungszwecke bewährt? Was können wir aus den Maßnahmen in der Corona-Notzeit in die Zukunft mitnehmen?

An alle Pädagog*innen gerichtet:

  • Seid weiter präsent und setzt die immer schon wichtige Beziehungsarbeit und Wissensvermittlung durch unterschiedliche Kontaktformen kreativ und nachhaltig weiter um, lasst kein Kind zurück – und erhebt öffentlich eure Stimme, wenn es dafür an Ressourcen mangelt (zum Beispiel Schulsozialarbeiter*innen, psycho-soziale Fachkräfte)
  • Nehmt mehr als bisher die unterschiedlichen Lebenswelten und möglicherweise akuten Ängste der Kinder und Jugendlichen wahr, organisiert den Austausch darüber unter den Schüler*innen bewusster als bisher, lasst Mitgefühl und Anteilnahme bis hin zur wechselseitigen Hilfestellung zu und fördert es nach Kräften
  • Nutzt die reichhaltigen lebensbezogenen und höchst brisanten Lernanlässe, die sich im globalen Ausnahmezustand auftun:
  • Plötzlich ist die Wertigkeit der vielen Beschäftigten im Lebensmittelhandel, in den Krankenhäusern, bei der Alten-Pflege, in der Infrastruktur sogar inseratenverstärkt.
  • Wie können wir (Erwachsene ebenso wie Schüler*innen) die unendlich vielen Informationen, Spekulationen und Statistiken kritisch sortieren.
  • Was können wir aus dem Rückblick in die Menschheitsgeschichte und verschiedener (Seuchen-, Kriegs-, Hunger-) Katastrophen lernen und aktuelle politische Maßnahmen national und international vergleichen und einordnen.
  • Wer leidet unter der weitgehenden Lahmlegung des Luftverkehrs und was bedeutet dies für die Klimakrise.
  • Welchen Stellenwert hat eine staatlich / öffentlich organisierte und sichergestellte Infrastruktur (Gesundheit, Wasser, Strom, Information) und eine regionale Versorgung mit lebenswichtigen Gütern.
  • Warum bedroht der Ausnahmezustand gerade schlecht bezahlte und niedrig qualifizierte Menschen massiv mit Arbeitslosigkeit, warum sind gerade kleinere Unternehmen, einzeln Selbständige, kleinere Bauern jetzt besonders stark betroffen und wie können staatliche Hilfsmaßnahmen das abfangen oder mildern.
  • Was schätzt du an deinem bisherigen, am momentanen und an deinem erhofften künftigen Leben besonders?

Und wenn es die Umstände zulassen und sich die Lage hoffentlich im Juni wieder entspannt, lassen wir das Schulleben bis Mitte Juli pulsieren! Ich bin sicher, dass verständnisvolle Lehrer*innen dazu bereit sind. Und auch die Gewerkschaft GÖD sich dem größeren Ganzen verpflichtet fühlt – Stichwort: Solidarität!

Josef Reichmayr

(Leiter der VS+NMS-Integrative Lernwerkstatt Brigittenau 1998 – 2019, Sprecher der überparteilichen Initiative „Schulautonomie Monitoring Österreich – Netzwerk für kindergerechte Schulen“)

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