Klassenkampf 4.0: Bildungspolitik ist Sozialpolitik

Klassenkampf 4.0: Bildungspolitik ist Sozialpolitik

von Bernhard Lahner und Nicol Gruber

Dieser Tage geht es wieder viel um Bildungsungleichheit und die geringe soziale Mobilität in Österreich. Die im Zuge der Corona-Krise geschlossenen Schulen machen noch viel deutlicher, was im österreichischen Schulsystem ohnehin Alltag ist: Wer kann seine Kinder fördern, wer kann sich Nachhilfe leisten, welche Kinder kommen ins Gymnasium? Natürlich sind es in Österreich vor allem Kinder aus Akademiker*innenhaushalten, die später eine Akadademiker*innenlaufbahn einschlagen werden – daran ändert auch Corona nichts. Klarerweise werden diese Ungerechtigkeiten, Segregationen und Benachteiligungen durch die Schulschließungen weiter verstärkt. Doch klar muss auch sein: All diese Benachteiligungen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen gab es schon vorher. Schulen sind in Österreich sehr oft keine Orte der Inklusion und der Solidarität. Die Corona-Krise kann aber auch eine Möglichkeit sein, Schulen als Orte der Sozialpolitik zu begreifen. 

Corona ist da und die Schulpolitik wird mehr denn je zur Sozialpolitik. Ein lang ausgeblendeter Aspekt, der jetzt viele Haushalte an die Grenzen der Machbarkeit bringt. Viele Kommentare und Empfehlungen, die jetzt ausgesprochen werden, drehen sich um die vorhandene Hardware (wieviele Laptops stehen Kindern zur Verfügung, reicht die Breitbandverbindung aus), die Wohnsituation (haben Kinder genug Platz zum Lernen) und sozioökonomische Rahmenbedingungen (gibt es eine Person, die mit den Kindern lernen kann). Zweifellos sind dies wichtige Fragen. Doch leider wird die Debatte immer rein im Kontext von Lernen und Leistungs(-erbringung) geführt. Doch es geht um viel mehr als um ein paar Laptops, Arbeitsplätze oder reine Wissensvermittlung. Es geht um soziale Inklusion und Exklusion, es geht darum, dass die Schere zwischen denen, die es sich richten können und denen, die in nicht dem klassischen Wohlstandsideal entsprechen, weiter auseinandergeht. Es geht um den Klassenkampf 4.0. Lernfortschritt alleine kann nicht das Kriterium sein.

Traditionelles Familienbild und seine Grenzen

Zwar wird im Moment das Idyll der traditionellen Kernfamilie von Neuem propagiert. Doch wieviele Kinder leben wirklich in diesen gut funktionierenden Kernfamilien, in denen alle glücklich sind und sich freuen den ganzen Tag – über Wochen – miteinander zu verbringen. Egal ob großes Haus mit Garten in der ländlichen Idylle oder kleine Erdgeschosswohnung: Die ganze Zeit aufeinander sitzen ist sicherlich nicht gut, weder für Eltern noch für Kinder. Oftmals bereits belastete Familiensituationen werden durch Ausgangsbeschränkungen nochmals verschärft, die corona-bedingte Krise am Arbeitsmarkt bringt viele Eltern an ihre Belastungsgrenzen und führt nicht selten zu existentiellen Nöten. Und egal ob Sorgen oder keine: Kinder brauchen Sozialkontakte außerhalb der Familie, nicht immer ist die Familie der Ort, an dem Kinder Selbstwert und Selbstvertrauen mitbekommen. 

Ein weiterer oft vernachlässigter Aspekt ist die häusliche Gewalt: Kinder und Frauen* sind (schon vor Corona) häufig von häuslicher Gewalt betroffen und müssen dementsprechend geschützt werden. Hier ist im Kontext Schule darauf zu achten, dass Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen und Therapeut*innen, außerschulische Jugendarbeit ab sofort und langfristig massiv ausgebaut werden.

Maßnahmen für Schüler*innen, Eltern, Pädagog*innen

Schüler*innen brauchen auch in Zeiten wie diesen Sozialkontakte und müssen abseits der Familie die Möglichkeit haben über ihre Probleme und Freuden des Lebens zu reden. Wenn wir es durch diese Maßnahmen nicht schaffen, diesen Raum offensiv zu schaffen – und die Schule ist für ALLE zugänglich – werden wir nachhaltige soziale Probleme neu erschaffen. Es muss möglich sein, dass zumindest jedes Kind mindestens einmal pro Woche mindestens einen Halbtag in der Schule in der Kleingruppe spielen, sporteln oder einfach nur lernen oder abhängen kann. 

Eltern hingegen sind mit Homeoffice, verlorenen Arbeitsplatz oder eigener Betroffenheit mit dem Virus belastet. Auch Eltern, vor allem Alleinerzieher*innen, müssen dementsprechend entlastet werden. Die Balance innerhalb unserer Gesellschaft wurde aufgrund der drastischen und zum Teil sehr restriktiven Maßnahmen aus der Bahn geworfen. Auch die Ausstattung ist nicht in jedem Haushalt gleich. Hier sehen wir ein massive Schieflage: Einerseits können sich Unternehmen aber auch Schulen die Strom-, Gas-, und Arbeitsplatzkosten sparen, zugleich werden Privathaushalte massiv mehrbelastet. Um zumindest die Hardwareproblematik etwas zu entschärfen, könnten Schulen mit Hardwarepools ausgestattet werden und diese individuell an Schüler*innen verborgen. Damit könnte auch die desaströse Ausstattung der Schulen längerfristig um einen Hauch verbessert werden.

Pädagog*innen wiederum haben sich in den letzten beiden Wochen intensiv mit Technologien auseinandersetzen müssen, die zum Teil problematisch (z.B. im Sinne des Datenschutzes) oder oft auch gar nicht auf e-learning ausgerichtet oder getestet worden sind. Der Mangel an medienpädagogischen Kenntnissen ist nicht nur an Schulen, sondern auch an Universitäten mehr als entlarvend. Hier braucht es akute Fortbildungsangebote um ein Grundverständnis dafür aufzubauen. Jetzt hätten wir Zeit dafür. Die Pädagogischen Hochschulen und SaferInternet als Beispiel sind gefordert. Es braucht flächendeckend eine medienpädagogische Grundkompetenz – erste Schritte in diese Richtung können und müssen jetzt gesetzt werden.

Der Sommer wird düster. Vermutlich nicht wetterbedingt, aber die Urlaubstage der Erwerbstätigen werden erschöpft sein und Reisen sind schwer vorstellbar. Deshalb können sich Lehrer*innen darauf einstellen, freiwillig in guter Absprache mit den Schulstandorten und Ferienangeboten für Betreuung und Freizeitangeboten zur Verfügung zu stehen.

Sofortige Entlastung, mittelfristig bildungspolitische Visionen entwickeln

Die Corona-Krise macht die Ungleichheiten in unserer Gesellschaft, die durch das Schulsystem reproduziert werden, überdeutlich. Umso mehr braucht es in dieser Situation nichts weniger als einen reinen Fokus auf Lernen und Leistungserbringung. Klar können Schüler*innen mit zusätzlicher Hardware unterstützt werden, doch was bringt ein Laptop, wenn die Schüler*innen keine Unterstützung beim Lernen erhalten, in der Isolation völlig von jeglicher Lebensrealität entfremdete Deutsch-Aufsätze schreiben sollen und sowohl der Platz als auch die soziale Interaktion zum Lernen fehlt.

Klar ist: Schüler*innen wie Eltern müssen jetzt massiv entlastet werden. Der Lehrplan sowie die Notengebung muss für dieses Schuljahr ausgesetzt werden, Schularbeiten und Tests in diesem Semester abgesagt werden. Für das kommende Schuljahr muss individualisierter Unterricht vorbereitet werden, damit den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler*innen entsprochen werden kann. Auch die Familienbeihilfe braucht eine Verlängerung von mindestens einem Jahr und freiwillige Wiederholungen sollten ein weiteres Mal genehmigt werden.

Um Stigmatisierungen, Benachteiligungen und Ausgrenzungen abzubauen, muss klar sein, dass Schulen für alle da sein müssen und für alle offen sein müssen. Es bringt sicherlich nichts – außer neue Stigmatisierungen- wenn jetzt einzelne Kinder herausgepickt werden und die Schule gehen dürfen oder müssen, während andere zu Hause bleiben. 

Die schulischen Segregationsmechanismen werden durch die Krise verschärft und derzeit noch deutlicher sichtbar. Das ist auch eine Chance jetzt schon neue bildungspolitische Visionen für die Post-Coronazeit einzuleiten. Wir können und müssen jetzt beginnen Schulen als offene und inklusive Orte zu begreifen. Die Zeiten, in denen Schulen für viele Orte der Angst und der Ausgrenzung sind, sollten spätestens mit Corona der Vergangenheit angehören.

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