schaumonito-Analyse zum Bildungsprogramm

schaumonito-Analyse zum Bildungsprogramm

„schaumonito“-Newsletter Jänner 2020 – verfasst von Josef Reichmayr

Österreich hat eine neue Koalitions-Regierung aus ÖVP und GRÜNEN.  Das Kapitel „Bildung“ im Regierungsprogramm 2020-2024 ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Einerseits im Hinblick darauf, welche Themen (fast) gar nicht vorkommen – zum Beispiel die Schulautonomie!

Und andererseits: Worauf und mit welchem Wording besondere Akzente gesetzt werden.

Das Stichwort „Schulautonomie“ hat es immerhin zu EINEM Eintrag auf den 14 Seiten gebracht. „Die Bundesregierung hat eine positive Sicht auf die Konzepte der flexiblen Schuleingangsphase sowie der Mehrstufenklassen und unterstützt die Umsetzung im Rahmen der Schulautonomie“ (S. 293). Dass bei diesen Modellen eine ständige Bewertung und Beurteilung der Kinder durch Ziffernnoten pädagogisch weder notwendig noch erwünscht ist, fällt dann allerdings schon aus dem Schulautonomie-Raster heraus. Da gilt weiterhin: Noten spätestens ab der 2. Klasse Volksschule, egal was Lehrer*innen oder Eltern wollen. Von den Kindern selbst ganz zu schweigen. Und ob der positiven Sicht der Bundesregierung auf altersgemischte Lerngruppen auch angemessene zentrale Personal-Ressourcen folgen, wird tunlichst nicht erwähnt. Nur zur Erinnerung: Bei der Vorwahl-Befragung mehrerer überparteilicher Bildungsinitiativen an alle wahlwerbenden Parteien stellten wir die Frage: „Zwei Lehrer*innen für jede größere Volksschulklasse – Welchen Stellenwert hat diese Forderung für Ihre Partei, wenn Sie nach der Wahl in Regierungsverantwortung kommen?“

Antwort ÖVP (ausweichend, relativierend): „…bedarfsorientierten und gezielten Einsatz von Ressourcen. Schulen, die besondere Herausforderungen haben, sollen auch entsprechende Ressourcen erhalten. Eine generelle Regelung für alle Volksschulen würde die Autonomie hingegen beschränken“. Aha!

Antwort GRÜNE: „Vordringliche schulpolitische Maßnahme“. Aha!

Außerparlamentarische Evaluation dazu (auch hinsichtlich des Umgangs der neuen Regierung mit einer angelaufenen online-Petition und einer parlamentarischen Bürgerinitiative zugunsten autonomer Entscheidung über Noten oder nicht): 2020

Ein zarter Hauch von nicht-expliziter Schulautonomie umweht auch die Passage zu den Deutschförderklassen: „Bei der konkreten Umsetzung … die notwendige Gestaltungsfreiheit“ (S. 291). Zumindest werden sich kreative Schulleiter*innen nicht mehr verstecken müssen, wenn sie kreative, ihrem Standort angepasste Lösungen suchen und umsetzen.

Apropos Kreativität: Sprachlich und inhaltlich interessant ist folgende Gegenüberstellung im Einleitungstext des Regierungsprogramms: „Rahmenbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen, … die Leistung ebenso ermöglichen wie Kreativität, Bewegung und die Entwicklung sozialer Fähigkeiten“ (S. 288). Soll das heißen, dass etwa Forscher*innen oder Firmengründer*innen, die ohne Inspiration und Kreativität nicht weit kämen, keine Leistung bringen? Dass erfolgreiche Sportler*innen, die ohne Bewegung nicht weit kämen, keine Leistung erbringen? Dass Politiker*innen ebenso wie Menschen in Humanberufen, die ohne ausgeprägte soziale Fähigkeiten nicht weit kämen, keine Leistung zeigen?

Die Aufwertung der Elementarpädagogik (Kindergärten) ist grundsätzlich sehr begrüßenswert und steht auch nicht zum ersten Mal in einer Regierungserklärung. Wieviel Energie und Herzblut in diesem Bereich vom universitär geprägten Fachminister einfließt, wird wohl genau zu evaluieren sein!

Außerparlamentarische Zwischen-Evaluation vorgesehen für 2022

Starke Schulen brauchen gute Organisation, bedarfsgerechte Ressourcen und moderne Lehr- und Lerninhalte“ (S. 292). Was verbirgt sich hinter „starken“ Schulen? Stark (= strukturell und institutionell noch stärker) gegenüber den Schüler*innen? Gegenüber fordernden Eltern? Wohl eher nicht gegenüber den Lehrer*innen, denn diese dürfen zwar seit kurzem auch im Pflichtschulbereich von der betreffenden Schule ein bisschen mehr selbst rekrutiert werden, aber wenn es auch einmal darum ginge, sich von jemandem zu trennen, da endet jeder Anflug von Autonomie abrupt, denn es stehen „…besonders die Pädagoginnen und Pädagogen im Zentrum unserer Bemühungen“ (S. 288). Egal, ob jemand zum Schulprofil passt und es mitträgt oder nicht, egal, ob Schüler*innen sich ungerecht behandelt oder nicht respektiert fühlen.

Schulisches Unterstützungspersonal … bedarfsgerecht aufstocken“ (S. 294): Eine überfällige und uneingeschränkt unterstützenswerte politische Ansage, aber werden dieser Ansage auch Taten folgen? Und wer legt die „Bedarfsgerechtheit“ fest? Geht es um 10, um 100 oder 1000 neue Posten? Und wird die Finanzierung der Dienstposten das nächste jahrelange Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und Ländern und Gemeinden auslösen, bevor etwas an den Schulen selbst ankommt? Nur zu gerne lassen wir uns positiv überraschen.

Außerparlamentarische Zwischen-Evaluation 2021

Das gilt auch für das „Pilotprogramm an 100 ausgewählten Schulen“ (S.295): Es darf immerhin „autonom durch die Schulleitung“ umgesetzt werden. Aber davor müssen die Schulen ihren Bedarf begründen und umfassend darstellen, einen individuellen (?) Schulentwicklungsplan entwerfen und dabei hoffen, dass sie überhaupt „anhand eines zu entwickelnden Chancen- und Entwicklungsindex grundsätzlich infrage kommen“ (S. 295). Bezüglich des Budgets für zusätzliche Dienstposten hält sich der zuständige Bundesminister Heinz Faßmann bedeckt. Klingt verdächtig nach jahrelanger ministerieller Indexsuche, wochenlangen schulischen Eingaben, kollektivem Schnappen nach Ressourcen-Würsteln, die noch nicht einmal an der Schnur hängen.

Außerparlamentarische Evaluation wohl frühestens 2023

Auch das Stichwort „Inklusion“ findet – ebenso wie die Schulautonomie – immerhin EINE Erwähnung im Regierungsprogramm (S. 295). Inklusion wird hier im engen Sinne nur für Schüler*innen mit Behinderung verwendet – eine grundsätzlichere Sicht von Inklusion könnte leicht zur Infragestellung des exkludierenden österreichischen Schulsystems, insbesondere in der Frage der Aufteilung von Kindern mit 10 Jahren in unterschiedliche Schultypen, führen. Immerhin wird im Unterschied zum Regierungsprogramm 2017 (ÖVP – FPÖ) keine Stärkung der Sonderschulen textiert. Also weiterhin Parallelität verschiedener Schultypen – die teuerste aller Varianten.

Damit die Schüler*innenstromlenkung beim Übertritt nach 4 Jahren Volksschule in weiterführende Schulen angesichts des großen (vom gesplitteten Schulsystem provozierten) Andrangs in die gymnasiale Unterstufe ohne allzu große Verwerfungen funktioniert, genügen die Ziffernnoten zum Halbjahr der 4. Klasse nicht mehr. Sie sollen um die Ziffernnoten am Ende der 3. Klasse, vor allem aber auch um das Ergebnis der neu geschaffenen „individualisierten Kompetenzfeststellung in der 3. Schulstufe“ (S.299) erweitert werden. Es darf weiterhin und mehr noch als bisher munter „schulpartnerschaftlich“ um Noten gerungen, um „objektive“ Testergebnisse gehadert, um ein „Ranking“ von 9- und 10-jährigen Kindern gerittert werden.

Und wenn schon Testen, dann gleich auch auf der 7. Schulstufe und irgendwie verknüpft mit dem Stichwort „Mittlere Reife“: Ob das nun eine Art von Bildungsstandard-Erhebung, eine neuerliche Kompetenzfeststellung oder ein ausgeweiteter Talente-Check ist – oder gleich alles zusammen: Ab der 3. Klasse Volksschule heißt das neue Motto: „Alles Test!“

Eine wichtige, brutal ernüchternde, wenn auch aus pädagogischer Sicht traurige Erfahrung für die heranwachsende Generation mit Schulen als „Orte der Gemeinschaft, an denen Gesellschaft entsteht“ (Regierungsprogramm S. 288).

HINWEIS: Am 20. und 21. März 2020 veranstaltet „Schulautonomie Monitoring Österreich“ seinen zweiten österreichweiten Bildungskongress an der Pädagogischen Hochschule in Klagenfurt. Hintergründe und Folgen neuer Testverfahren in Bildungseinrichtungen stehen am ersten Tag des Bildungskongresses im Mittelpunkt von wissenschaftlichen Impulsreferaten und einer Diskussion bei einem spannend zusammengesetzten Podium.

Details und Anmeldung unter www.schaumonito.at

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.