schaumonito-Redebeitrag bei der DoDe am 17.1.2019

schaumonito-Redebeitrag bei der DoDe am 17.1.2019

Josef Reichmayr  – Beitrag Abschlusskundgebung – Keplerplatz, Wien – 17.1.2019

Ich spreche hier und heute als Privatperson – als 3-facher Vater, als 4-facher Großvater – Ich trete hier NICHT auf als Direktor der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (die eine öffentliche gemeinsame Schule für 6- bis 15-Jährige ist).

Ich bin auch hier als Vertreter der überparteilichen Initiative „Schulautonomie Monitoring Österreich“.

Schulautonomie – in den letzten Jahren mehr und mehr in aller Munde.

Aber wie ist die Wirklichkeit: Willkürlich und zentralistisch werden den Schulen Deutschförderklassen aufs Auge gedrückt. Die Expertise an den Schulen wird durch ein enges Korsett an Vorschriften eingeengt, kreative und der jeweiligen Zusammensetzung der Schüler*innen angepasste Angebote sind keineswegs autonom gestaltbar, sondern unerwünscht. Mehrsprachigkeit wird eher als Makel denn als Bereicherung hingestellt.

Schulautonomie – in den letzten Jahren mehr und mehr in aller Munde.

Aber wie ist die Wirklichkeit: Die (erst seit eineinhalb Jahren vorhandene) Freiheit der Volksschulen, bis zur 3. Klasse auf Noten zu verzichten, wird willkürlich und zentralistisch auf die 1.Klasse zurück geschraubt!

Prof. Rupert Vierlinger, der sein Leben lang vehement gegen die Ziffernnoten und für die direkte Leistungsvorlage eingetreten ist, der in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, also vor 50 Jahren an der Linzer katholischen Pädagogischen Akademie die Übungs-Volks- und –Hauptschule als gemeinsame Schule gestaltete und dafür von seiner eigenen Fraktion im Unterrichtsministerium kalt gestellt wurde, dieser Mensch muss sich nicht mehr über den vielen Unsinn ärgern, der neuerdings vehementer denn je über angebliche Notenwahrheit und Objektivität verbreitet wird. Er ist leider heute verstorben. Ein schmerzlicher Verlust für mich und alle, die Pädagogik als Wissenschaft vom Kind aus und für das Kind begreifen und nicht ÜBER das Kind stellen.

Schule inklusiiive – Autonomie

Mutige Kinder – hott und hüüü !

Rund um die politisch bei Antritt der ÖVP-FPÖ-Regierung großmundig und plakativ verkündete Wiedereinführung der Ziffernnoten ab der ersten Volksschulklasse wird mit gezinkten Karten gespielt: Eine österreichweite Umfrage des dem Ministerium unterstehenden BIFIE unter knapp 2000 VS-Direktor*innen (im NOVEMBER 2017 !!!)  über alternative Beurteilung und mehrstufige Lerngruppen wird nun erst NACH meiner Forderung an Bundesminister Faßmann im parlamentarischen Unterrichtsausschuss (im Dezember 2018) und nach einer Anfrage eines grünen Bundesratsmitglieds veröffentlicht – NACHDEM zuvor das neue Schulgesetzes beschlossen wurde. NACH MEHR ALS EINEM JAHR wurden dieser Tage einige Ergebnisse im Zuge der Anfragebeantwortung bekannt gegeben, und wenn es wahr ist, erfährt die Öffentlichkeit mehr im Februar – im Februar 2019, und nicht schon 2018, wie es sich für eine seriöse Vorgangsweise gehört hätte.

Ja darf das wahr sein! Wir an den Schulen müssen ständig Berichte, Statistiken, Meldungen abliefern – wehe, wir lassen uns auch nur einen Tag mehr Zeit. Und das Bundesministerium liefert mehr als ein Jahr lang NICHTS, und dann erst auf massiven öffentlichen Druck?!

Sollen wir das als Vorbildwirkung verstehen? Oder ist es typisch für ein Schulsystem, das nur funktioniert, weil tausende Pädagog*innen einen großen VERTRAUENSVORSCHUSS in ihre Schüler*innen setzen, ihnen etwas zutrauen. Ein System, das aber gleichzeitig von oben her durch einen MISSTRAUENS-VORSCHUSS gegenüber den LehrerInnen und Schulen gekennzeichnet ist.

Das österreichische Schulsystem ist für die Kinder mitten während ihrer ersten 9 Jahre Schulpflicht gepflastert mit Holpersteinen, Bruchstellen, Schnittstellen, Nahtstellen für die Kinder. Und für sozial Schwache werden diese Holpersteine immer wieder und leider sogar immer mehr zu Stolpersteinen ! 

Lerne gerne    –    lerne gut

Ohne Noten    –   aber Mut

Lernt gemeinsam   –    wie ihr seid

Helft euch, freut euch   –  seid bereit !

Die größte und dümmste Verzweigung der „Schüler*innenströme“ erfolgt am Ende der Volksschulzeit, bei den 9- bis 10-Jährigen! Das „beschäftigt“ tausende Eltern und ihre Kinder auf der Suche nach der besten Anschluss-Schule, erzeugt viele Unsicherheiten und Ängste, bringt Volksschullehrer*innen gehörig unter Druck, kostet unsäglich und unnötig viel Zeit und Energie bei allen Beteiligten. Alles Kraft und Energie, die für eine kontinuierliche Lernbegleitung der Schüler*innen während ihrer ersten 8 Lernjahre unendlich viel besser genutzt werden könnte!

Dieses „differenzierte“ System gibt es nicht erst seit der neuen ÖVP-FPÖ-Bundesregierung. Seit 1962 ist dieses System in Österreich in Beton gegossen.

Differenziertes Schulsystem nennen es manche – ich sage: es ist ein GESPLITTETES und Kinder zersplitterndes System!

Wir haben es in Österreich mit einem im Kern zutiefst zentralistischen System zu tun, das sich mit ein paar Schulautonomie-Blümchen verziert. Der ÖVP-FPÖ-Regierung scheint es vorbehalten, die innere und äußere Aufsplitterung der SchülerInnen (in gute – schlechte, Deutsch- und nicht-Sprechende, Standard und AHS) zu einer neuen Hochblüte zu treiben.

Schule kann nicht gut genesen

Unter Pooolit-Fuchtel-Besen

Die kurzsichtige, unverfrorener als bisher von Ideologie und populistischer Gefälligkeit getriebene, in der Tendenz kinder- und menschenverachtende Denkweise zeigt sich wohl am krassesten beim Herausreißen von Lehrlingen aus ihrem Arbeits- und Lernumfeld. Geht’s noch dümmer?

Wir werden sehen – oder hoffentlich lieber nicht!

Diese unpädagogische, teilweise unmenschliche, deklariert „ideologische“ Denkweise der heute politisch Verantwortlichen werden wir wohl leider nicht umpolen können.

Aber wir können EINE Forderung erheben und verstärken – mit hoffentlich breiter Stimme und Unterstützung aus allen (FAST allen) politischen Lagern UND auch der ÖVP-dominierten Pflichtschullehrergewerkschaft:

Doppelbesetzung in allen Volksschulklassen!!!

2 Lehrer*innen für eine 25er-Klasse!!!

DAS könnte ein enormer Turbo für qualitätsvolle pädagogische Arbeit sein, für gemeinsames Lernen, für wirklich umsetzbare Individualisierung und Differenzierung, auch für mehrstufige Lerngruppen.

Mehrstufenklassen    –    eM eS Kaaa

mehr noch mehr    +    tscha tscha tscha

Die Doppelbesetzung für Volksschulklassen wird auch im Bildungsministerium als wichtige Maßnahme gesehen. Aber im nächsten Atemzug wird mancherorts dann gleich darauf verwiesen, dass es ja ohnehin genug Lehrer*innen gäbe, man müsse sie nur vor Ort, also seitens der Bildungsdirektionen in den Bundesländern richtig einsetzen! Hört, hört, staunt, staunt! Soll das vielleicht heißen, dass etwa in Wien Beratungslehrer*innen, Psychagog*innen, Schulsozialarbeiter*innen zum überflüssigen Luxusgut erklärt und „umverteilt“ werden?

Es ist das alte, leidige Ping-pong-Spiel, das wir schon aus langer Vergangenheit her kennen! Lassen wir uns nicht für blöd verkaufen und als williger Ball für das Ping-Pong-Spiel zwischen Bundesministerium und Bundesländern missbrauchen: „Es gäbe eh genug Ressourcen, man müsse sie nur gut einsetzen“. Nein! Eine zukunftsorientierte Bildungs- und Schulpolitik muss dringend mehr Pädagog*innen und Expert*innen an die Schulen bringen. Es müssen zusätzliche LehrerInnen angestellt werden. Und der Schwerpunkt muss im elementaren Bildungsbereich liegen: In den Kindergärten und daran anschließend im Volksschulbereich. Am Geld kanns und darfs nicht liegen.

Drum lasst uns dranbleiben – bitte weiter sagen:

Vau  eS – Klassen doppelt

JETZT und nicht gemoppelt

Danke!

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