Zentralistische Geiselnahme der Volksschulen durch Ziffernnotenverpflichtung – wie passt das mit Schulautonomie zusammen?

Zentralistische Geiselnahme der Volksschulen durch Ziffernnotenverpflichtung –  wie passt das mit Schulautonomie zusammen?

Das in Österreich noch sehr zarte Pflänzchen Schulautonomie hat durch ein Schulreformgesetz seit 2016 ein wenig Gestalt angenommen: Es erlaubt Volksschulen, vor Ort und schulpartnerschaftlich über die Einrichtung altersheterogener Lerngruppen ebenso wie über eine Form der individuellen, leistungsfördernden alternativen Beurteilung der Kinder in den ersten drei Schuljahren zu entscheiden. Tausende Schulversuche österreichweit, die den LehrerInnen nicht aufs Auge gedrückt wurden, sondern die sich jahrzehntelang entwickelt haben, konnten auf diesem Weg schulautonom und niederschwelliger fortgesetzt werden. Das soll nun wie gewonnen so zerronnen sein?

Wäre es so einfach, dass mit der Vergabe „klarer Noten“ vom ersten Schultag an auch die Leistungen der Kinder steigen: Wer sollte etwas dagegen haben?

Zwei große Trugschlüsse stehen dem entgegen:

Die „Notenwahrheit“ gibt es leider nicht! Ziffernnoten sind seit jeher großen subjektiven Färbungen, dem Niveau in einer Klasse, dem Förder-Impetus einer Lehrerin unterworfen und drücken sehr unterschiedliche Leistungsstände der SchülerInnen aus. Daran wird auch eine Neudefinition der 5-teiligen Skala nichts ändern können.

Die Gleichsetzung von Ziffernnoten mit Leistung: Eine sehr alte, aber leider auch nicht dem Lernalltag von Kindern entsprechende Kausalbehauptung. Was für die 1er-Kinder vielleicht motivierend wirkt, hat für die 4er- oder 5er-Kinder nicht automatisch eine leistungsanspornende Wirkung. Eher im Gegenteil. Nur deswegen haben sich (in Österreich, aber auch vielen anderen europäischen Staaten) in den ersten Schuljahren Formen der Rückmeldung entwickelt, die auf konkrete Leistungen, Stärken und Schwächen eines Kindes Bezug nehmen – das ist schon lange nicht mehr vorrangig eine verbale Beurteilung, sondern Lernfortschrittsdokumentationen und andere detaillierte Aufzeichnungen,ungshomogene Zusammenstellung von SchülerInnengruppen nach Jahrgangsklassen, Schultypen, Behinderungsformen bessere Lernergebnisse bringt, hat sich schon in den vergangenen Jahrzehnten nicht eingelöst. Die Ausschaltung von schulischen „Störfaktoren“ in Gestalt von Lernschwachen, Behinderten, Fremdsprachigen oder Hochbegabten und deren Separierung in gesonderten Klassen und Einrichtungen widerspricht einem demokratischen gesellschaftlichen Auftrag der Schule. Der Preis, den wir dafür bezahlen, wird über kurz oder lang höher sein als eine bessere Ressourcenausstattung vor allem der Volksschulen und wesentlich weiter gehende autonome Möglichkeiten für alle Schulen vor Ort.

Die überparteiliche Initiative „Schulautonomie Monitoring Österreich“ ist hervorgegangen aus dem Widerstand gegen eine Verordnung, die bei alternativer Beurteilung gleichzeitig Noten durch die Hintertür bringen sollte. Das konnte 2016 verhindert werden. Wir werden auch den Versuch, allen SchulanfängerInnen, deren Eltern und engagierten LehrerInnen Ziffernnoten durch die Vordertür überzustülpen, nicht widerspruchslos hinnehmen.

30.11.2017

Josef Reichmayr und Elisabeth Kugler – Sprecher/in Schulautonomie Monitoring Österreich

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