Mehrstufige Lerngruppen – gefangen im Ressourcen-Ping-Pong?

Mehrstufige Lerngruppen - gefangen im Ressourcen-Ping-Pong?

Die Grundschulreform sieht vor, dass ab 2017/18 an den Volksschul-Standorten selbst die Entscheidung fällt, ob und welche Klassen mehrstufig geführt werden. Die im Bereich des Stadtschurats für Wien seit 20 Jahren als Schulversuch geführten und von Elternseite stark nachgefragten Mehrstufenklassen mit reformpädagogischem Schwerpunkt erhlten damit eine neue, sozusagen schulautonome Definition.

Österreichweit können nun LehrerInnen, die sich auf diese besondere pädagogische und didaktische Herausforderung einlassen wollen, auf eine mehrstufige Lerngruppe (Klasse) umstellen. Vorausgesetzt sie finden an der eigenen Schule, bei ihren KollegInnen und bei ihrer Schulleitung die nötige positive Resonanz und im Schulforum die nötige Akzeptanz. Eine erste Hürde, die hoffentlich und bei gutem Willen des Kollegiums zu meistern ist.

Doch wie steht es mit der zweiten Hürde? Die klassische Definition des Jahrgangsklassensystems im österreichischen Volksschulbereich lautet: EINE Klasse, EIN/E LehrerIn ! Das soll nun bei mehrstufigen Lerngruppen einfach so fortgeschrieben werden? Deutlich mehr Individualisierung und Differenzierung, wesentlich mehr und breiter gefächertes Angebot von Lernmaterialien, mehr Möglichkeiten des Lernens der Kinder untereinander – so ein zeitgemäßes Lernarrangement wird von einer einzigen Lehrerin allein und mit 25 SchülerInnen auf 3 bis 4 Alters- und Entwicklungsstufen schwer machbar sein!

Nicht von ungefähr erhielten die Wiener Mehrstufenklassen bei ihrer Einführung 1997/98 zusätzliche TeamlehrerInnen-Stunden, die der SSRW aus seinem Personalkontingent zur Verfügung stellte. Von den anfangs 18 zusätzlichen Stunden (also fast eine zweite Lehrerin in der Klasse) sind es mittlerweile noch 11 Stunden, also eine halbe Lehrerin dazu. Wenn sich also zwei mehrstufig geführte Klassen an einem Standort zusammentun, dann sind es immerhin 3 LehrerInnen. Oder WAREN es. Denn durch die starke Nachfrage nach Mehrstufenklassen in Wien gibt es mittlerweile jene, die schon lange diesen Weg gehen und Extraressourcen erhalten, daneben aber auch andere, die erst später eingestiegen sind und ohne zusätzliche Stunden auskommen müssen. Vielfach sind es Integrationsklassen, die auf diesem Weg dennoch als Team arbeiten können.

WIE KANN DIESER KNOTEN GELÖST WERDEN?

Aus einem Treffen von Wiener MehrstufenklassenlehrerInnen im Dezember 2016 resultiert folgender Vorschlag: Für jede mehrstufige Lerngruppe, die mindestens 3 Schulstufen umfasst, möge das BMB pro 2 SchülerInnen 1 zusätzliche LehrerInnenstunde bereit stellen! D.h. bei einer vollen Klasse (gemessen an der bisherigen Höchstzahl von 25) eine halbe Lehrerin dazu, bei einer Kleinklasse von z.B. 12 SchülerInnen in ländlicher Gegend wären es 6 Stunden zusätzlich. Das wäre ein starkes Signal und eine substanzielle Ermunterung für jene LehrerInnen, die ihren Unterricht nachhaltig öffnen wollen. Nach letzten Meldungen soll diese Ressourcenausstattung aber (weiterhin) im Ermessen der Bundesländer und der jeweiligen Landesschulbehörden liegen. Das bekannte Ressourcen-Ping-Pong zwischen Bund und Ländern.

CHANCENINDEX JETZT oder ZENTRALE RESSOURCENAUSSTATTUNG für mehrstufige Modelle

In der ersten Etappe auf dem Weg zur Schulautonomie ist eine sozial indexierte Ressourcenzuteilung leider noch nicht vorgesehen (außer bei den über 80 SchulsozialarbeiterInnen, die vom BMB ab 2017 auf Basis von BIFIE-Daten bestimmten Standorten gewidmet werden). Es gibt also wenig bis keinen Spielraum auf Schulstandortebene für die personelle Unterstützung von mehrstufigen Lerngruppen. Somit bleibt als Übergangslösung für AssistenzlehrerInnen in mehrstufigen Lerngruppen entweder die Abhängigkeit vom Goodwill der Landesschulbehörden bzw. zuständigen PflichtschulinspektorInnen – auf Kosten anderer Einsatzgebiete innerhalb der Schule oder des Bezirks! Eine leidige Situation.

Oder aber eine gezielte Unterstützung seitens des BMB! Wir könnten hiefür auch den österreichischen Bundeskanzler zititeren, der erst kürzlich eine bessere Ressourcenausstattung für die Volksschulen als gute Zukunftsinvestition bezeichnete.

SCHULAUTONOMIE-CHECK: Die Ermunterung zu und Ermöglichung der Einrichtung von mehrstufigen Lerngruppen auf Standortbene ist sehr begrüßenswert – die dafür unbedingt nötigen Team-Stunden sollten in der ersten Etappe der Schulautonomie vom Bildungsministerium (bzw. dem Finanzministerium und der Regierung) garantiert werden!

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