Ganztagsschule: Auch autonome Hybrid-Modelle möglich?

Ganztagsschule: Auch autonome Hybrid-Modelle möglich?

Die amtierende Bundesregierung möchte die Einrichtung ganztägiger Schulen, namentlich der Ganztagsschulen stark forcieren. Das hat gute pädagogische Gründe, trägt dem sozialen Wandel Rechnung und schafft neue Möglichkeiten des gemeinsamen Lebens und Lernens im schulischen Konnex für PädagogInnen und SchülerInnen. In Österreich ist die Halbtagsschule allerdings das nach wie vor übliche und dominierende Modell. An weiterführenden Schulen geht der Unterricht wegen der höheren Wochenstundenanzahl der SchülerInnen und der Reduktion auf die 5-Tage-Woche schön längst und mehrfach in den Nachmittag hinein. Nichtsdestoweniger sind sämtliche schulgesetzlichen Rahmenbestimmungen und Verordnungen ebenso wie das Lehrerdienstrecht vom Modell der Halbtagsschule geprägt und durchzogen.

Die Umstellung des österreichischen Schulsystems auf mehr und mehr ganztägige Modelle ist ein langjähriger Prozess. Er erfordert nicht nur die vorgesehenen materiellen Investitionen, sondern auch ein Umdenken hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten von Schule bei den Beteiligten selbst.

Als eine Art Umstiegshilfe und gleichzeitig politischen Kompromiss zwischen den beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP gibt es die zwei Basismodelle: eine offene (nicht-verschränkte) und eine verschränkte Form ganztägiger Schule (Ganztagsschule). Im einen Fall können Eltern wählen, an welchen Nachmittagen ihr Kind in der Schule bleibt oder nach Hause geht, andere Aktivitäten macht, sofern die Eltern diese organisieren und finanzieren. Im anderen Fall gibt es eine Rahmenvorgabe, derzufolge alle SchülerInnen an allen 5 Werktagen der Woche bis 16°° in der Schule bleiben. Diese Vorgabe ist für den Freitag allerdings bereits relativiert, sodass die Kinder je nach Festlegung am Standort nur bis nach dem Essen, bis zum frühen Nachmittag verpflichtend anwesend sein müssen.

Aufgrund der großen Nachfrage von Eltern nach ganztägigen Schulformen in Wien gibt der Schulerhalter auch für offene Schulen schon seit Jahren vor, dass ein Kind an mindestens 3 Nachmittagen angemeldet sein muss.

Mit anderen Worten: In der Realität ist die Grenze zwischen offenen und „echten“ Ganztagsschulen bereits jetzt teilweise fließend und erfüllt manch offene Schule viele Qualitätskriterien für einen verschränkten Betrieb.

Wäre es nicht an der Zeit, einen neuen Rahmen vorzugeben, der nicht nur schwarz oder weiß (offen oder verschränkt) kennt, sondern Schulen erlaubt, autonom ein Ganztagsschulmodell zu entwickeln?!

Wir könnten es auch Hybrid-Modell nennen. Die Autorenschaft dafür würde zur Abwechslung nicht bei einer politischen Partei, sondern bei den pädagogischen Erfordernissen und kreativen Ideen vor Ort liegen. Ganz im Sinne der Schulautonomie.

Wenn eine ganztägige Schule an mindestens 3 gleichbleibenden Tagen pro Woche für ALLE SchülerInnen ein durchgängiges Lern-, Freizeit-, Verpflegungs-, Erholungs-, Bewegungs-, Kurs-, Atelier-Modell entwickelt, dann sollte diese Schule ebenso als Ganztagsschule anerkannt werden. Und wenn Eltern es sich zeitlich und/oder finanziell leisten können, wird ihr Kind am Freitagnachmittag und evtl. noch an einem zweiten Tag pro Woche bereits zu Mittag die Schule verlassen – und jene Kinder, die diese Möglichkeit nicht haben, können garantiert an 5 Tagen in der Schule begleitet und betreut werden.

Und dann wäre da noch die Frage der Kosten: Trotz staatlich garantierter Schulgeldfreiheit sind ganztägige Schulen für die Essensverpflegung und die Betreuung kostenpflichtig. Zwar bieten die Kommunen = Schulerhalter unterschiedliche Formen der Unterstützung oder Kostenermäßigung an, dennoch schreibt der Gesetzgeber vor, dass ein/e SchülerIn von der Schule auszuschließen ist, wenn die Erziehungsberechtigten 3 Monate oder länger die Gebühr nicht bezahlen. Das ist bei einer offenen Schule gemildert, weil das Kind dann notfalls „nur“ aus der Nachmittagsbetreuung und vom Essen ausgeschlossen wird. Bei Ganztagsschulen entstehen allerdings prekäre Situationen, weil manchmal gerade jene SchülerInnen, die ein durchgängiges schulisches Angebot besonders brauchen, ausgeschlossen werden müssen (bzw. müssten).

Eine nachhaltige Lösung dieser Problematik besteht wohl nur in einer staatlich garantierten Kostenfreiheit auch an Ganztagsschulen – was nebstbei den bisherigen Riesenballast an administrativ-organisatorischem Aufwand an den Schulstandorten zur Abwicklung der Kostenmeldungen, Beitragsmahnungen, pädagogisch paradoxen Ausschlussdrohungen, Rückverrechnungen bei Fehltagen usw. usw. deutlich vermindern würde – zugunsten gewonnener Zeit für die Arbeit mit Kindern!

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